Silvia Konnerth

#Schriftsteller sein.

Oder: Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich auch ein Buch.

 

Ein schöner Satz. Ein Satz, den ich hin und wieder höre, allerdings nur von Leuten, die mich nicht kennen. Alle anderen wissen mittlerweile, dass diese Worte weitreichende Konsequenzen haben könnten.

An einem guten Tag verschenke ich dafür ein müdes Lächeln.

An einem schlechten plaudere ich ein wenig aus den Nähkästchen. Und am Ende höre ich meist: „Das macht ja doch mehr Arbeit, als ich gedacht habe.“

 

Meinen ersten Roman schrieb ich aus dem Bauch heraus – ohne Planung, so wie es aus mir herausfloss. Die Quittung dafür erhielt ich dann allerdings im Lektorat. Der Roman und auch die vielen verzweifelten Stunden, die ich damit zubrachte, die Tipps meiner Lektorin umzusetzen, kosteten mich unzählige Nerven und auch ein paar Tränen.

Dann folgte der zweite Roman, bei dem ich alles anders machen wollte. Also verbrachte ich viele Nachmittage in der Bücherei und im Internet, um die Schauplätze zu erarbeiten. Ich verfasste seitenlange Informationen zu den Charakteren, notierte mir mein Thema, fasste die Idee in drei Sätzen zusammen, schrieb einen vorläufigen Klappentext, dann ein Exposé, schließlich plottete ich. Das bedeutet, dass ich den kompletten Roman von vorne bis hinten, also jede einzelne Szene, bereits im Groben notiert hatte, bevor die eigentliche Schreibphase überhaupt begann. Der Text schrieb sich wie von selbst.

Also beschloss ich, zukünftig immer so zu arbeiten, bis mir mein aktuelles Projekt einen Strich durch die Rechnung machte.

Ich startete damit im Oktober 2015, indem ich den Ort des Geschehens, eine schmucke Hamburger Villa, erschuf und die Charakterbögen erstellte. Meine grandiose Romanidee war rasch notiert, ich steckte voller Ideen und schrieb einen vorläufigen Klappentext. Und noch einen, und noch einen und so weiter. Weil es mit der Kurzzusammenfassung nicht voranging, schrieb ich ein Exposé. Vier Wochen lang. Der Text sollte in etwa drei bis fünf Seiten umfassen. Ich brachte nicht einmal eine Seite zu Papier.

Natürlich ließ ich mich davon nicht unterkriegen, man muss ja auch nicht immer nach bewährten Methoden arbeiten. Folglich startete ich mit dem eigentlichen Manuskript. Ich schrieb einen Prolog, der mir recht gut gefiel, auch meine Lektorin war davon angetan. Danach folgte die erste Szene. Acht Mal habe ich sie geschrieben. Die achte Version gefiel mir tatsächlich so gut, dass ich fortfahren konnte.

Es war meine Protagonistin Victoria, der ich gewisse Eigenschaften aufdrücken wollte, mit denen sie nicht einverstanden war.

 

Es lief also. Das erste Kapitel war ruckzuck fertig, alles passte so weit, ich war glücklich. Bis ich zum nächsten Kapitel kam, das aus der Sicht des zweiten Protagonisten, Alexander, geschrieben wird. Geschrieben werden sollte. Ich benötigte einen anderen Tonfall, ein Mann denkt und spricht eben anders als eine Frau, aber ich hatte noch nie aus der Perspektive eines Mannes geschrieben. Also brauchte ich unglaubliche elf Anläufe, bis Alexander zufrieden mit mir war (ich führte spaßeshalber eine Strichliste).

Die folgenden hundertvierunddreißig Seiten schrieben sich recht flüssig. Es war bereits Januar. Dann beschlich mich das leise Gefühl, dass mit meinem Text wieder etwas nicht stimmte. Eine böse Vorahnung, so wie nach einer Matheklausur, von der ich genau wusste, dass ich sie vergeigt hatte. Aber wo war der Fehler? Ich quälte mich durch weitere neun Seiten, bis gar nichts mehr ging. Also begab ich mich auf Fehlersuche und um es kurz zu machen: Ich fand ihn nicht. Ich löschte hundertsiebzig (in Zahlen 170) Seiten und startete neu. Das war im Februar, denn den Schock musste ich erst einmal verdauen.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich ein paar wenige Szenen verwenden kann, ging es mir besser und ich tippte, was das Zeug hielt.

Doch dann verlegte Alexander ohne meine Zustimmung die Handlung nach Spanien. Ich recherchierte zwei Wochen lang.

Dort angekommen, küsste er Victoria zu einem Zeitpunkt, den ich dafür gar nicht vorgesehen hatte. Victoria weigerte sich ihrerseits, den Deal mit Alexanders Mutter gewissenhaft zu erfüllen, jedenfalls wollte sie es nicht auf die Art tun, die ich mir vorgestellt hatte. Nach einer der besten Szenen, die ich in einer schlaflosen Nacht verfasst hatte, streikte unerwartet mein Computer, und ich musste zwanzig Seiten neu schreiben, wohlwissend, dass diese neuen Seiten nie wieder das Gefühl der ersten Version wiedergeben würden. Da war erneut Durchhaltevermögen gefragt.

 

Ein Buch schreibt sich erwiesenermaßen nicht einfach mal so. Dahinter steckt, bei mir zumindest, eine ausführliche Planung, die Auseinandersetzung mit den Figuren, Durchhaltevermögen, Flexibilität, das Jonglieren mit Worten und Sätzen und ganz viel Herzblut.

 

So viel sei verraten: Der Roman wird fertig werden. Jetzt erst recht!

Allerdings ist von der ursprünglichen Idee fast nichts mehr übrig geblieben. Und das ist auch gut so.

Denn es heißt, wenn die Figuren richtig leben, wird es ein gutes Buch. Na, dann mal ran!

 

Silvia Konnerth